Posts Tagged Korruption

Land unter

Eine ehemalige Kollegin, deren Familie mütterlicherseits aus Tlacotalpan (Bundesstaat Veracruz) stammt und die dort eine Zeit lang lebte, erzählte mir mal:

“Unser Haus hatte, wie alle anderen auch, einen tapanco. Das ist ein Obergeschoss mit eng gedecktem Palmdach. Unten wohnten wir, und wenn die Regenzeit kam und wir wussten, dass der Flusspegel ansteigen und den Ort überschwemmen würde, packten wir alle unsere Möbel und Gegenstände des Hauses zusammen und stellten sie oben in den tapanco. Wir liessen Fenster und Türen offen stehen, damit das Wasser durch das Haus fliessen konnte und es nicht wegspülte und zogen mit Sack und Pack, Familie und Vieh in eine höherliegende Gegend, wo wir eine Hütte hatten.”

Momentan ist Regenzeit und besonders die Gegend um Tlacotalpan ist schwer von Überschwemmungen getroffen; Tausenden steht ihr Hab und Gut unter Wasser. Wieder wird Katastrophen-Alarm ausgerufen, Geld aus dem Staatshaushalt locker gemacht (das -wie immer- grösstenteils in dunklen Kanälen “versickert”), die Bevölkerung zu Geld- und Sachspenden aufgefordert.

Warum werfen wir “moderne” Menschen jahrzehnte- oder jahrhunderte-alte Kenntnisse einfach so über Bord und glauben, dass die Gesetze der Natur nicht mehr für uns gelten? Weil wir concreto hidráulico haben und hohe Dämme errichten können?

Präsident Felipillo sprach gestern, als er medienwirksam ein Überschwemmungsgebiet besuchte, davon, dass dank der vollzogenen Deichbauarbeiten die Überschwemmung nicht so schlimm sei. Ob 30 Zentimeter Wassertiefe in meinem Wohnzimmer ein Fortschritt sind gegenüber den 60 Zentimetern von vorher? Ich weiss nicht…

Jedes Jahr sind mit schöner Regelmässigkeit dieselben Gegenden in Mexico überschwemmt – mal mehr, mal weniger. Während ich mich nicht erinnern kann, dass z.B. archäologische Stätten einmal ernsthaft gefährdet gewesen wären, bauen Menschen des 20./21. Jahrhundert dort, wo’s ihnen passt, ungeachtet dessen, was die Naturkräfte mit dem Gelände vorhaben, denn wir “Zivilisierte” beherrschen die Natur und machen sie uns Untertan.

Denkste!

Tags: , ,

Fachkräftemangel in Deutschland

Der deutsche Wirtschaftsminister Schwäbele Brüderle hat angeregt, ausländischen Facharbeitern mit einem “Begrüssungsgeld” das Arbeiten im Ländle Land schmackhafter zu machen.

Sehr geehrter Herr Brüderle,

hiermit biete ich meine Dienste als Ingenieur in Deutschland an. Ich habe schlagkräftige Vorteile gegenüber jedem Ausländer:

a) deutsche Staatsangehörigkeit,

b) abgeschlossenes Ingenieur-Studium mit Diplom an einer deutschen (Fach-) Hochschule,

c) (nahezu) perfekte Deutsch-Kenntnisse,

d) genaue Kenntnisse der deutschen Kultur; sofortige Integration in die Gesellschaft garantiert.

Ich verlange nicht viel:

a) Job-Garantie für die kommenden zwei Jahre in einem kreativen, produktiven Arbeitsumfeld mit angemessener Bezahlung und guten Weiterbildungsmöglichkeiten an einem beliebigen Ort in Deutschland (auch in ländlicheren Gebieten)

b) Ihr angebotenes “Begrüssungsgeld” in Form von finanzieller und operativer Hilfe bei Umzug, Wohnungsbeschaffung, Erledigung von Behördengängen (Familienzusammenführungs-Visum für meine Frau, Erlangung der deutschen Staatsangehörigkeit für meine Kinder), KiTa-Plätzen, etc.

MfG,

Roland

Ob das hilft, ins sicherere Deutschland zurückzukehren und das momentan ziemlich unrühmliche Kapitel Mexico (Kriminalitäts-Entwicklung, persönliches Sicherheits-Empfinden für mich und meine kleine Familie, wirtschaftliche und berufliche Aussichten, Bildungschancen für meine Kinder, etc.) zumindest vorerst ruhen zu lassen…?

(Quelle)

Tags: , , , , , , ,

Gehackt

¿Trabajamos para ti? ¿Alguien trabaja?

Auf der Suche nach den notwendigen Papieren für ein trámite wurde ich auf die Seite der COFEMER (Comisón Federal de Mejora Regulatoria“Bundes-Behörde zur Regel-Verbesserung” (sprich: zum Bürokratie-Abbau)) geleitet.

Als ich nach mehrmaliger Eingabe des Suchbegriffs immer noch kein Resultat angezeigt bekam, drückte ich den Knopf “ASESORÍAS – Te ayudamos a localizar información contenida en este portal” (“Wir helfen Dir, Information auf diesem Web-Portal zu finden”) und wurde auf diese Seite geschickt (siehe Bildschirm-Kopie oben).

Tja, da war wohl “Theo Ein Türke gegen den Rest der Welt” am Werke, und die ach so effiziente Behörde für den Bürokratie-Abbau pennt.

Ob das davon kommt, dass man solch sicherheitsrelevanten Aufträge immer an cuates vergibt oder an Leute, die einen unter dem Tisch mit Geld versorgen, anstatt an kompetente Firmen…? Wundert es noch jemanden, dass man in Mexico geheime persönliche Daten so einfach an jeder Strassenecke bekommen kann, wenn Regierungs-Portale von irgendeinem dahergelaufenen Hacker geknackt werden können?

Da bekommt auch der auf der Seite stehende Regierungs-Werbe-Slogan einen ironisch-sarkastischen Einschlag:

“Trabajamos para ti” (Wir arbeiten für Dich)

Tags: , , ,

CFE – Una Empresa de Clase Tercermundista

CFE - Una Empresa de Clase MediocreEin guter Freund hat auf einem kommerziellen Baugelände bei uns im Ort ein paar Geschäfts-Lokale gebaut; genauer gesagt sind es vier auf dem gleichen (laut Grundbuch) Grundstück. Er liess auch gleich den Stromanschluss legen: von einem etwa 150 m entfernten Strom-Mast wurde die Versorgung abgezweigt, zwei neue Pfeiler gesetzt und gleich vor dem neuen Gebäude eigens ein Transformator installiert. Kabel wurden auf das Grundstück verlegt und die nach staatlichem Strom-Konzern Comisión Federal de Electricidad (CFE) notwendigen vorgeschriebenen Vorbereitungen getroffen, damit der Versorgungs-Vertrag abgeschlossen und die Stromzähler installiert werden können.

So weit, so gut – wenn die CFE denn dem Freund Strom geben wollte…!

Um in unserer Region einen neuen Stromversorger-Vertrag abzuschliessen und einen Zähler installiert zu bekommen, kann man nicht in ein Büro der CFE gehen (wo kämen wir denn da hin, wenn auf einmal so viel Personal eingestellt werden würde…), sondern ist gezwungen, die zentrale Rufnummer 071 zu wählen, wo man -wie bei den allermeisten Firmen- sich erst einmal mit irgendwelchen Maschinen herumquälen und viele Tasten drücken muss, bis man zur “richtigen” Person durchgestellt wird. Bei contrataciones sitzt offenbar ein Pool von mehreren Dutzend (wenn nicht Hundert) “menschlichen Telefon-Beantwortern”, um den Kunden (angeblich) zu “dienen”.

Man gibt brav sein Anliegen und dann Name und Adresse an, wo die Installation stattfinden soll, wird gefragt, ob denn auch die Anforderungen zur Installation alle gegeben sind und, wenn man tatsächlich alles zu 100% bejahen kann, bekommt man ein folio, was sowas wie eine Auftragsnummer ist.

Beim ersten Anruf wurde eine offizielle Hausnummer verlangt; mit dem in der escritura (der notariellen Besitz-Urkunde) vermerkten Lote X, Manzana Y war es nicht genug. Diese wird offenbar nicht automatisch von der Stadtverwaltung zugeteilt, sondern muss gesondert beantragt werden (was natürlich kostet). Der Freund bekam sie und rief nochmals an.

“Ja, eigentlich müsste jedes Geschäfts-Lokal eine eigene Hausnummer haben, um einen Vertrag abzuschliessen”, sagte der CFE-Mensch. “Das Grundstück ist aber nur eins und kann deswegen nicht mehrere Hausnummern haben – wie sollte das sonst mit dem Grundbuch und den zu entrichtenden Abgaben aussehen?”, antwortete der Freund. Der CFE-Fuzzi (der offenbar an einem Computer sitzt mit Zugang zu den zentralen Datenbanken) tippte auf seiner Tastatur herum und antwortete: “Nun gut, ihre folios sind X-XXX-XXX-XXY, X-XXX-XXX-XXZ, X-XXX-XXX-XXQ und X-XXX-XXX-XXP.”“Wann kann ich damit rechnen, dass die Zähler installiert werden?”“Das kann ich Ihnen nicht sagen.”“Wieso nicht?”“Weil das vom Arbeitsaufkommen abhängt.”“Kann man mich denn nicht wenigstens einen Tag vorher anrufen, um mir mitzuteilen, dass die Herren am nächsten Tag kommen?”“Nein. Guten Tag.” — Frage: wer hat die Zeit, jeden Tag von 8.00 Uhr bis 19.00 Uhr in einem nicht nutzbaren Geschäfts-Lokal zu hocken und stromlos (!) darauf zu warten, dass sich ein paar CFE-Heinis die “Ehre” geben, einmal vorbeizuschauen und ein bisschen herumzuschrauben?

Die Tage vergingen und die CFE-Leute tauchten niemals auf. Also rief der Freund nochmals an. Diesmal hatte er jemand anderem aus dem Calling Center Personal-Pool an der Leitung, der natürlich gar keine Ahnung hatte, worum es ging. “Ja, hier in der Daten-Bank steht, dass die Anträge abgelehnt wurden, weil kein Strom-Mast in der Nähe ist und die verlangte Verkabelung fehlt”, las er das, was auf seinem Bildschirm angezeigt wurde. Der Freund fiel aus allen Wolken, erklärte, dass die Anforderungen sehr wohl erfüllt wurden, und der CFE-Wutz reaktivierte die Anträge, inklusive neuer folios.

Wieder vergingen viele Tage und keine CFE-Brigade weit und breit. Der Freund rief nochmals an. Der Telefon-Mensch -wieder ein anderer- rezitierte das, was “el sistema” ausspuckte: “Die Anträge wurden abgelehnt, weil das Grundstück nur eine offizielle Hausnummer hat.”“Das ist doch längst geklärt!”, antwortete der Freund entnervt, aber der CFE-Telefonierer wusste (natürlich!) nichts davon: “Na, dann reaktiviere ich die Anträge wieder.” Neue folios wurden erteilt.

Die Tage verrannen und kein CFE-Trupp kam. Erneuter Anruf bei 071. “Die Anträge wurden abgelehnt, weil die vorgeschriebene Erdung fehlt”, hiess es diesmal. “Die Erdung?”, fragte der Freund, “die ist längst da! Ausserdem: wie konnten Eure Leute auf das Grundstück kommen, wenn ein Gitter davor ist?” — Die Anträge wurden reaktiviert (plus neue folios).

Zwei Tage danach rief der Freund nochmals an, um zu sehen, welche Ausrede man diesmal hatte, um nicht zu installieren. “Es gibt keinen Strom-Mast in der Nähe”, hiess es, “geben Sie mir bitte nochmals Ihre Daten, um die Aufträge zu reaktivieren.”“Hör mal zu: gibt es kein Büro, wo ich einmal persönlich vorsprechen kann, um den Schlamassel aufzuklären? Bei Euch kommt man ja nicht weiter. Jedes Mal habe ich jemand anders an der Strippe, der keinen blassen Schimmer von meinem Problem hat und dem es scheissegal ist, ob ich einen Anschluss kriege oder nicht. Mir geht hier saftig Geld verloren, weil ich die Lokale nicht vermieten kann ohne Strom!”“Nein, die CFE hat keine Büros.”“Kann ich mal mit Deinem Vorgesetzten sprechen?” - “Nein, das geht nicht. Geben Sie mir doch einfach Ihre Daten noch einmal.”

Der Freund legte auf.

Nun hat er die Elektriker-Firma, die ihm den ursprünglichen Strom-Anschluss (Abzweigung, Pfosten, Trafo) gelegt hat, beauftragt, ihm Strom zu geben – illegal. Hätte ich ebenfalls so getan.

Wer in Mexico etwas “richtig” machen will, sei es beim Finanzamt, bei Wasser oder Strom, wird damit bestraft, dass einem völlig unnötige bürokratische Hürden in den Weg gestellt werden; wer sich selbst und  ”schwarz” bedient, ist der Gewinner.

Mal sehen, wann der Empresa de Clase Mundial mit ihrem unterirdischen Service aufgeht, dass da einer klaut.

Tags: , , , ,

Der Dorn im Auge des Nachbarn

Als vorige Woche im US-Bundesstaat Arizona das hier in Mexico so genannte “Anti-Immigranten-Gesetz” (“ley anti imigrantes”) verabschiedet wurde, ging ein grosser Sturm der Entrüstung durch die mexicanischen Medien. “Diskriminierend”, “menschenverachtend”, “fördert Hass und Intoleranz”, “Lasst uns Arizona boykottieren” und andere Aufrufe hörte (und hört) man – natürlich auch von Politikern, die (wieder mal) auf den fahrenden Zug aufsprangen, um wenigstens etwas Profil zu zeigen. Präsident Calderón verurteilte es ebenso und  forderte US-Präsident Obama auf, das Gesetz rückgängig zu machen.

Jetzt kam ein Bericht von Amnesty International heraus, der zeigt, dass Mexico nicht nur kein Kind von Traurigkeit ist, was Menschenrechts-Verletzungen angeht (das weiss eigentlich jeder, der mal in einer mex. Zeitung geblättert oder mit der mex. Polizei zu tun gehabt hat), sondern, dass die Behörden durchreisenden, illegalen migrantes aus mittel- und südamerikanischen Ländern noch schlimmeres antun, als es das Gesetz in Arizona vorsieht.

Klaus Ehringfeld vom Handelsblatt weiss mehr dazu.

Tags: , , , , , , ,

Handy-Registrierung (III)

Gestern gelesen: es gibt etwa 12.000 Handy-Linien, die auf den Namen Felipe Calderón registriert wurden.
Insgesamt sollen (laut diesem Kommentar) zwei Millionen Telefone auf den Namen des mex. Präsidenten und den des Besitzers von Telcel, Carlos Slim Helú (CURP: SIHC400128HDFLLR01) angemeldet worden sein.

¡Yo no fui! (Ich war’s nicht!) :lol: ;-)

Tags: , , , , , , , ,

Daten-Sicherheit à la mexicana

Heute im El Universal:

In Tepito (dem Viertel in Mexico, wo man alles bekommen kann) kann man allerhand aktuelle (2009) Datenbanken kaufen: vom Wähler-Verzeichnis der gesamten Republik (in dem alle über 18-jährigen Mexicaner eingetragen sind) über das Standort-Verzeichnis der öffentlichen Telmex-Telefonzellen (inkl. Nummer), Personal-Daten zu Polizisten (Name mit Foto, Personal-Nr. und Standort), Verzeichnis aller Gefängnis-Insassen (inkl. Standort und eventuelle Haft-Erleichterungen), das Taxi-Verzeichnis des DF bis zur Liste aller Fahrzeuge im Land (beinhaltet: Kfz-Marke, -Modell, -Jahr und Typ (PKW, Luxusauto, Gütertransport, ÖPNV, etc.), Besitzer mitsamt Adresse, Kennzeichen).

Demnächst wird dort wohl auch das RENAUT-Verzeichnis zu finden sein.

Das republikweite Wählerverzeichnis, inklusive nationalem Kfz-Register, der Liste der erteilten Führerscheine in ganz Mexico und anderen “Extras”, kostet US$ 12.000,- und wird auf drei 160-GB-Festplatten ausgeliefert. Besonders beliebt ist es bei narcos und sonstigem kriminellen Gesocks, und -haltet Euch fest- Behörden.

Ist doch alles ein Schnäppchen, oder…? :mrgreen:

… Und was man damit alles machen kann: Leute entführen, erpressen, umlegen (Daten zwischen Wählerverzeichnis und Auto-Register kreuzen), Luxus-Karossen auf Bestellung klauen, Polizisten bedrohen und/oder korrumpieren (Polizisten-Register mit Wählerverzeichnis vergleichen), und, und, und,… (und das sind nur die allersimpelsten Daten-Auswertungen) - der Phantasie krimineller Hirne sind keine Grenzen gesetzt und wenn man was wirklich kann in diesem Land, dann ist es, immer wieder neue Wege zu finden, um die eigene Geldbörse auf möglichst leichte Art zu füllen und anderen das Leben zur Hölle zu machen.

Aber: in Brasilien und Jamaica werden bestimmt mehr Daten geklaut pro 100.000 Einwohner und mit ihrer Hilfe mehr Leute ermordet, erpresst, entführt,… (pro 100.000 Einwohner, versteht sich) – und trotzdem reden Brasilianer und Jamaicaner nicht schlecht über ihr Land! :mrgreen:

(Quelle 1, Quelle 2)

Tags: , , , ,

Handy-Registrierung (II)

Was die Verlängerung der Anmeldefrist zum berühmten Nationalen Mobiltelefon-Benutzer-Register RENAUT (Registro Nacional de Usuarios de Telefonía Móvil) angeht, habe ich mich wohl geirrt. Ich nehme an, die Betreiber-Firmen haben nicht genügend “Vergünstigungen” springen lassen, um die Senatoren zu “überzeugen”.

Trotzdem -und das ist nichts neues- bleiben da noch mehrere Haare und Fliegen in der Suppe der schönen heilen Welt der totalen Handy-Benutzer-Überwachung:

  1. das das RENAUT begleitende Gesetz, nach dem eine telefonische Belästigung eine Straftat ist, die entsprechend geahndet wird, existiert gar nicht. :shock:
    Laut den Bestimmungen im Diario Oficial de la Federación (DOF – das mex. Bundes-Gesetzblatt) hatten die beiden Parlaments-Kammern Cámara de Diputados und Senado de la República 180 Tage nach In-Kraft-Treten des RENAUT-Gesetzes Zeit, dieses zu verabschieden. Nun sind mehr als 400 Tage verstrichen und das Auf-den-Weg-Bringen des Gesetzes ist selbst in der Cámara de Diputados in weiter Ferne.
  2. wie nicht anders zu erwarten, benehmen sich die Handy-Benutzer wie echte Mexicaner: sie registrieren ihr Mobiltelefon im allerletzten Moment (dass das eine mex. idiosincrasia ist, sagen auch die allermeisten Mexicaner). Obwohl die RENAUT-Betreiber und -Programmierer genau wissen (sollten?), dass es zum Ende der Frist hin ein exponentiell gesteigertes Daten-Aufkommen gibt, sind die Systeme auf den Ansturm nicht vorbereitet, obwohl sie seit mehr als einem Jahr operieren und Zeit genug war, die Kapazitäten zumindest temporär anzupassen (Server anmieten, mirrors erstellen, etc., etc.).
  3. in der Folge von Punkt 2. konnten mehrere Millionen von Handy-Nutzern ihr Telefon nicht rechtzeitig registrieren und die Bestätigungs-Nachricht erhalten. Obwohl es immer hiess, am 11.04.2010 ab 0.00 Uhr würden Leitungen gekappt, wenn sie nicht registriert sind, wurde die Frist kurzerhand bis zum 14.04.2010, 23.59 Uhr (heute!) verlängert.
    Der Betreiber Telefónica Movistar hatte vorher schon angekündigt, Linien seiner Firma nicht ab dem 11.04. abzuschalten und unregistrierten Handy-Nutzern weiterhin Service zu geben.
  4. es gibt keine Form des Beweises der Handy-Nutzer, dass die Registrierung erfolgt ist, ausser -in manchen Fällen- eine SMS mit den Worten (sinngemäss): “Su línea quedó registrada.” Wer sich telefonisch angemeldet hat, hat nichts greifbares.
    Ich z.B. war blöd genug, mich und meine Linie schon im April 2009 zu registrieren und bekam sofort genannte SMS. Mittlerweile habe ich das Telefon aber nicht mehr, sondern ein neues mit neuem SIM-Chip, aber derselben Telefon-Nummer. Die SMS auf dem mittlerweile verkauften alten Handy habe ich selbstverständlich vor dem Verkauf gelöscht. Falls mir die Linie demnächst -absichtlich oder durch einen Fehler in Datenbank und/oder System- gesperrt wird, wie beweise ich, dass ich mich registriert habe?
    Eine Lösung wäre die Einrichtung einer Webseite, auf der man in einem Fenster völlig anonym (s)eine Handy-Nummer eingeben kann und erfährt, ob die Linie registriert ist/wurde oder nicht.

Übrigens: in Tepito, einer landesweit bekannten Gegend, wo man von Piraten-CDs bis grosskalibrigen Waffen alles mögliche illegale bekommt, kann man seit Tagen bereits registrierte SIM-Chips kaufen – auf wessen Namen sie angemeldet sind, bleibt das Geheimnis der Verkäufer. Für 130 Pesos bekommt man eine neue, funktionierende Telefon-Nummer und 90 Pesos Guthaben.

…Und so lebt Mexico wieder einmal in grosser Sorge… – diesmal, dass das über alles geliebte Handy plötzlich aufhört zu funktionieren und das Guthaben futsch ist. Da geht die Nachricht, dass seit Beginn von Präsident Calderón’s “Guerra contra las Drogas” mehr als 22.000 Menschen ihr Leben lassen mussten, völlig unter.

Tags: , , , , , , , , ,

Geo-Lokalisation von Mobil-Telefonen

In Deutschland konnte man es vor ein paar Monaten sehen: mit Hilfe der Geo-Lokalisation seines Handies wurde ein aus der JVA Aachen ausgebrochener Häftling wieder gefasst – er war dermassen überrascht als er, auf seinem Fahrrad sitzend, auf freiem Feld von der Polizei angesprochen wurde, dass er bei der Festnahme keinen Widerstand leistete. Die Daten wurden auf Anfrage von Staatsanwaltschaft und Justiz vom Mobil-Telefon-Betreiber herausgegeben.

Orts-Sprung nach Mexico: die staatliche Telekommunikations-Kommission COFETEL (Comisión Federal de Telecomunicación) unterschreibt mit der US-Firma Telcordia ein Abkommen. Dass es dabei um jene Geo-Lokalisation geht, sagt die Presse-Mitteilung von Telcordia nicht, aber IMHO ist das der Kern der Vereinbarung, auch wenn von number portability und data transfer gesprochen und damit der wahre Grund (Überwachung der Bürger) fein aussen vor gelassen wird.

Wir dürfen gespannt sein, welche Ergebnisse das Abkommen bringt. In einem Land, in dem die Gesetze meist nicht das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben stehen, liegt aber wieder einmal die unverantwortliche und z.T. gefährliche Nutzung von Telefon-Kunden-Daten in der Luft…

P.S. Warum es Geolokalisation in Mexico nicht gibt (zumindest nicht zuverlässig) mit einfacher Triangulation von Sendemasten? Tja, das weiss ich auch nicht; es hat aber wohl was mit fehlender mittel- bis langfristiger Weitsicht zu tun (etwas, mit dem ich im beruflichen Alltag sehr zu kämpfen habe: warum fast & dirty, wenn man mit fundierter Vorab-Planung und ein wenig Mehr-Aufwand das Ganze wirklich gut machen kann?). Sendemasten haben nämlich bisher keine eindeutige (uniqueID, mit der genaue LatLng-Daten relationiert sind…

Tags: , , , ,

Korruptions-Report für Mexico

Trace International hat seinen BRIBEline Report für Mexico veröffentlicht. Ausgewertet wurden Umfrage-Ergebnisse zur Korruption in Mexico zwischen dem 11.07.07 und 06.01.10.

Einige der Ergebnisse zusammengefasst:

Bitten um eine “kleine Spende”:

  • von Angestellten der Behörden und der Regierung: 85 % (davon: Polizei (45 %), Föderal-Regierungs-Bedienstete (12 %), Bundesstaats-Angestellte (10 %), Bedienstete staatseigener Firmen (6 %), Stadtverwaltungs-Angestellte (4 %), Richter und Justiz-Bedienstete (4 %), Militärs (2 %), Repräsentanten der jeweils regierenden Partei (2 %))
  • 55 % der Befragten gaben an, dass eine Bestechungs-Anfrage von der selben Person oder Institution wiederholt vorkam (es also mit einer mordida nicht getan war). 15 % von diesen gaben an, mehr als 100 Anfragen zu “aussergewöhnlicher Zahlung” erhalten zu haben.
  • Neben Bargeld (in 80 % der Fälle) wurde ausserdem folgende nicht-baren “Vergünstigungen” akzeptiert: zusätzliche Aufträge/Geschäfte (5 %), sexuelle “Gefälligkeiten” (4 %), Bezahlung von Arztrechnungen oder Schulgeld (4 %), Geschenke, Hotel-Aufenthalte oder Entertainment-”Einladungen” (4 %) und Reisen (2 %)
  • 65 % der Bestechungs-Gelder waren unter US$ 5.000,-; 6 % mehr als US$ 50.000,-

(mehr dazu ist nachzulesen im Trace International BRIBEline Mexico Report (PDF-Format), El Universal)

____

… – Ach so, bevor ich’s vergesse: in Nigeria und Somalia ist die Korruption bestimmt noch viel schlimmer. Deshalb ist eigentlich unerklärlich, weswegen 2009 die Investitionen ausländischer Firmen in Mexico um 50,8 % zurückgegangen sind (Quelle).

;-)

Tags: ,