Ein guter Freund hat auf einem kommerziellen Baugelände bei uns im Ort ein paar Geschäfts-Lokale gebaut; genauer gesagt sind es vier auf dem gleichen (laut Grundbuch) Grundstück. Er liess auch gleich den Stromanschluss legen: von einem etwa 150 m entfernten Strom-Mast wurde die Versorgung abgezweigt, zwei neue Pfeiler gesetzt und gleich vor dem neuen Gebäude eigens ein Transformator installiert. Kabel wurden auf das Grundstück verlegt und die nach staatlichem Strom-Konzern Comisión Federal de Electricidad (CFE) notwendigen vorgeschriebenen Vorbereitungen getroffen, damit der Versorgungs-Vertrag abgeschlossen und die Stromzähler installiert werden können.
So weit, so gut – wenn die CFE denn dem Freund Strom geben wollte…!
Um in unserer Region einen neuen Stromversorger-Vertrag abzuschliessen und einen Zähler installiert zu bekommen, kann man nicht in ein Büro der CFE gehen (wo kämen wir denn da hin, wenn auf einmal so viel Personal eingestellt werden würde…), sondern ist gezwungen, die zentrale Rufnummer 071 zu wählen, wo man -wie bei den allermeisten Firmen- sich erst einmal mit irgendwelchen Maschinen herumquälen und viele Tasten drücken muss, bis man zur “richtigen” Person durchgestellt wird. Bei contrataciones sitzt offenbar ein Pool von mehreren Dutzend (wenn nicht Hundert) “menschlichen Telefon-Beantwortern”, um den Kunden (angeblich) zu “dienen”.
Man gibt brav sein Anliegen und dann Name und Adresse an, wo die Installation stattfinden soll, wird gefragt, ob denn auch die Anforderungen zur Installation alle gegeben sind und, wenn man tatsächlich alles zu 100% bejahen kann, bekommt man ein folio, was sowas wie eine Auftragsnummer ist.
Beim ersten Anruf wurde eine offizielle Hausnummer verlangt; mit dem in der escritura (der notariellen Besitz-Urkunde) vermerkten Lote X, Manzana Y war es nicht genug. Diese wird offenbar nicht automatisch von der Stadtverwaltung zugeteilt, sondern muss gesondert beantragt werden (was natürlich kostet). Der Freund bekam sie und rief nochmals an.
“Ja, eigentlich müsste jedes Geschäfts-Lokal eine eigene Hausnummer haben, um einen Vertrag abzuschliessen”, sagte der CFE-Mensch. “Das Grundstück ist aber nur eins und kann deswegen nicht mehrere Hausnummern haben – wie sollte das sonst mit dem Grundbuch und den zu entrichtenden Abgaben aussehen?”, antwortete der Freund. Der CFE-Fuzzi (der offenbar an einem Computer sitzt mit Zugang zu den zentralen Datenbanken) tippte auf seiner Tastatur herum und antwortete: “Nun gut, ihre folios sind X-XXX-XXX-XXY, X-XXX-XXX-XXZ, X-XXX-XXX-XXQ und X-XXX-XXX-XXP.” – “Wann kann ich damit rechnen, dass die Zähler installiert werden?” – “Das kann ich Ihnen nicht sagen.” – “Wieso nicht?” – “Weil das vom Arbeitsaufkommen abhängt.” – “Kann man mich denn nicht wenigstens einen Tag vorher anrufen, um mir mitzuteilen, dass die Herren am nächsten Tag kommen?” – “Nein. Guten Tag.” — Frage: wer hat die Zeit, jeden Tag von 8.00 Uhr bis 19.00 Uhr in einem nicht nutzbaren Geschäfts-Lokal zu hocken und stromlos (!) darauf zu warten, dass sich ein paar CFE-Heinis die “Ehre” geben, einmal vorbeizuschauen und ein bisschen herumzuschrauben?
Die Tage vergingen und die CFE-Leute tauchten niemals auf. Also rief der Freund nochmals an. Diesmal hatte er jemand anderem aus dem Calling Center Personal-Pool an der Leitung, der natürlich gar keine Ahnung hatte, worum es ging. “Ja, hier in der Daten-Bank steht, dass die Anträge abgelehnt wurden, weil kein Strom-Mast in der Nähe ist und die verlangte Verkabelung fehlt”, las er das, was auf seinem Bildschirm angezeigt wurde. Der Freund fiel aus allen Wolken, erklärte, dass die Anforderungen sehr wohl erfüllt wurden, und der CFE-Wutz reaktivierte die Anträge, inklusive neuer folios.
Wieder vergingen viele Tage und keine CFE-Brigade weit und breit. Der Freund rief nochmals an. Der Telefon-Mensch -wieder ein anderer- rezitierte das, was “el sistema” ausspuckte: “Die Anträge wurden abgelehnt, weil das Grundstück nur eine offizielle Hausnummer hat.” – “Das ist doch längst geklärt!”, antwortete der Freund entnervt, aber der CFE-Telefonierer wusste (natürlich!) nichts davon: “Na, dann reaktiviere ich die Anträge wieder.” Neue folios wurden erteilt.
Die Tage verrannen und kein CFE-Trupp kam. Erneuter Anruf bei 071. “Die Anträge wurden abgelehnt, weil die vorgeschriebene Erdung fehlt”, hiess es diesmal. “Die Erdung?”, fragte der Freund, “die ist längst da! Ausserdem: wie konnten Eure Leute auf das Grundstück kommen, wenn ein Gitter davor ist?” — Die Anträge wurden reaktiviert (plus neue folios).
Zwei Tage danach rief der Freund nochmals an, um zu sehen, welche Ausrede man diesmal hatte, um nicht zu installieren. “Es gibt keinen Strom-Mast in der Nähe”, hiess es, “geben Sie mir bitte nochmals Ihre Daten, um die Aufträge zu reaktivieren.” – “Hör mal zu: gibt es kein Büro, wo ich einmal persönlich vorsprechen kann, um den Schlamassel aufzuklären? Bei Euch kommt man ja nicht weiter. Jedes Mal habe ich jemand anders an der Strippe, der keinen blassen Schimmer von meinem Problem hat und dem es scheissegal ist, ob ich einen Anschluss kriege oder nicht. Mir geht hier saftig Geld verloren, weil ich die Lokale nicht vermieten kann ohne Strom!” – “Nein, die CFE hat keine Büros.” – “Kann ich mal mit Deinem Vorgesetzten sprechen?” - “Nein, das geht nicht. Geben Sie mir doch einfach Ihre Daten noch einmal.”
Der Freund legte auf.
Nun hat er die Elektriker-Firma, die ihm den ursprünglichen Strom-Anschluss (Abzweigung, Pfosten, Trafo) gelegt hat, beauftragt, ihm Strom zu geben – illegal. Hätte ich ebenfalls so getan.
Wer in Mexico etwas “richtig” machen will, sei es beim Finanzamt, bei Wasser oder Strom, wird damit bestraft, dass einem völlig unnötige bürokratische Hürden in den Weg gestellt werden; wer sich selbst und ”schwarz” bedient, ist der Gewinner.
Mal sehen, wann der Empresa de Clase Mundial mit ihrem unterirdischen Service aufgeht, dass da einer klaut.


