Archiv der Kategorie politisches

Wettbewerbsfähigkeit

Das Weltwirtschaftsforum hat seine jährliche Rangliste zur wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit von 139 Staaten veröffentlicht. In Deutschland herrscht Freude, denn man verbesserte sich vom 7. auf den 5. Rang.

Und Mexico?

Vorher auf Platz 60 ist das Land nun auf Rang 66 gefallen; hinter Staaten wie Montenegro, Azerbaidschan, Vietnam, Sri Lanka und Jordanien.

Und innerhalb Lateinamerikas?  Da führt Chile (Platz 30) vor Puerto Rico (Platz 41; faktische US-Kolonie); Panama (53), Costa Rica (56), Brasilien (58) und Uruguay (64) liegen alle vor der ehemalig grössten LatAm-Wirtschaftsmacht Mexico. Ob das dem Felipillo und seiner Experten-Schar gefallen wird?

Ups, nun rede ich schon wieder schlecht über Mexico… Asche auf mein Haupt… ;-)

(Quellen: tagesschau.de, World Economic Forum: The Global Competitiveness Report 2010-2011)

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Land unter

Eine ehemalige Kollegin, deren Familie mütterlicherseits aus Tlacotalpan (Bundesstaat Veracruz) stammt und die dort eine Zeit lang lebte, erzählte mir mal:

“Unser Haus hatte, wie alle anderen auch, einen tapanco. Das ist ein Obergeschoss mit eng gedecktem Palmdach. Unten wohnten wir, und wenn die Regenzeit kam und wir wussten, dass der Flusspegel ansteigen und den Ort überschwemmen würde, packten wir alle unsere Möbel und Gegenstände des Hauses zusammen und stellten sie oben in den tapanco. Wir liessen Fenster und Türen offen stehen, damit das Wasser durch das Haus fliessen konnte und es nicht wegspülte und zogen mit Sack und Pack, Familie und Vieh in eine höherliegende Gegend, wo wir eine Hütte hatten.”

Momentan ist Regenzeit und besonders die Gegend um Tlacotalpan ist schwer von Überschwemmungen getroffen; Tausenden steht ihr Hab und Gut unter Wasser. Wieder wird Katastrophen-Alarm ausgerufen, Geld aus dem Staatshaushalt locker gemacht (das -wie immer- grösstenteils in dunklen Kanälen “versickert”), die Bevölkerung zu Geld- und Sachspenden aufgefordert.

Warum werfen wir “moderne” Menschen jahrzehnte- oder jahrhunderte-alte Kenntnisse einfach so über Bord und glauben, dass die Gesetze der Natur nicht mehr für uns gelten? Weil wir concreto hidráulico haben und hohe Dämme errichten können?

Präsident Felipillo sprach gestern, als er medienwirksam ein Überschwemmungsgebiet besuchte, davon, dass dank der vollzogenen Deichbauarbeiten die Überschwemmung nicht so schlimm sei. Ob 30 Zentimeter Wassertiefe in meinem Wohnzimmer ein Fortschritt sind gegenüber den 60 Zentimetern von vorher? Ich weiss nicht…

Jedes Jahr sind mit schöner Regelmässigkeit dieselben Gegenden in Mexico überschwemmt – mal mehr, mal weniger. Während ich mich nicht erinnern kann, dass z.B. archäologische Stätten einmal ernsthaft gefährdet gewesen wären, bauen Menschen des 20./21. Jahrhundert dort, wo’s ihnen passt, ungeachtet dessen, was die Naturkräfte mit dem Gelände vorhaben, denn wir “Zivilisierte” beherrschen die Natur und machen sie uns Untertan.

Denkste!

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Strassenlinien pinseln

So werden in Mexico (hier: Mexico City) die Strassenbegrenzungslinien auf den Asphalt gemalt: man kaufe einen (oder mehrere) Eimer Vinyl-Farbe und schicke die Maler, ausgerüstet mit Pinseln, Rollen, Besenstielen, Maskier-Klebeband und ein paar orangefarbenen Plastik-Hütchen auf die Strasse. Dort wird dann gekleckert werden die Linien como dios manda aufgepinselt.

Es ist also gar nicht verwunderlich, dass die Bemalung nach wenigen Monaten durch Regen, Sonnenlicht und Abnutzung durch darüberfahrende Auto wieder (fast?) verschwunden sind.

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Tüten-Tod

Wer schon mal was gekauft hat in Mexico, der kennt das: bei jedem noch so kleinen Kauf gibt es ein Plastiktütchen dabei; selbst, wenn die Sache sowieso schon eingepackt ist. Im Supermarkt gibt es eine Horde von freiwilligen Helfern (zu 100% subventioniert von den Kunden, die ihnen nach getaner Arbeit ein paar Münzen zustecken), die gleich hinter dem piependen Preis-Scanner an der Kasse alles in Dutzende Plastiktüten einpacken, und wenn man sie bittet, es nicht einzutüten, einen blöd angucken.

Bis vor etwa 2 Jahren waren diese Tüten im Supermarkt ausserdem praktisch: sie dienten als Beutel für den häuslichen Mülleimer, so dass man keine Abfalltüten kaufen musste. Aber seither wurden sie immer dünner; meist sind sie beim Nach-Hause-Kommen schon löchrig und damit z.B. für die Küche unbrauchbar.

Nun soll es in der Stinkestadt (a.k.a. Mexico City oder Distrito Fecal Federal) damit vorbei sein. Morgen tritt ein lokales Gesetz in Kraft, dass das unentgeltliche Ausgeben von Plastiktüten verbietet (angeblich aus Umweltschutz-Gründen), und bei Zuwiderhandlung drohen Geldstrafen bis zu 1 Mio. Pesos.

Die Plastiktüten-Industrie beklagt sich natürlich am Lautesten; schliesslich geht es um ihre Existenz, denn laut ihren Berechnungen soll der Tütenverkauf nun 30% zurückgehen und die Supermärkte 10% weniger verkaufen (Wo haben die denn das her? Als ob ich wegen ein paar Tüten mehr oder weniger kaufen würde…).

Und ich als Verbraucher frage mich: Werden die Waren im Supermarkt nun ein paar Pesos billiger, weil jetzt keine kostenlosen Tütchen mehr verteilt werden? Wie wird die Bevölkerung, die gewohnt ist, alles eingepackt zu bekommen, damit umgehen? Wird jetzt einfach alles ungeordnet in den Kofferraum geworfen (Sam’s-Kunden haben evtl. Vorteile; dort gibt es schon lange keine Umsonst-Tüten mehr)? Werden die Verbraucher daran denken, eine Tasche mitzubringen, wenn sie einkaufen gehen (mit den Pfandflaschen hat das nicht geklappt, weswegen sie fast verschwunden sind)?

Fragen über Fragen, auf die die Antworten bald kommen werden. Wenn die Plastiktüten-Verbannung allerdings so abläuft wie die famose Mülltrennung, wird es wohl noch Jahre dauern bis da was greifbares passiert.

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Die Stadt ohne GPS

Eine tiefsitzende Tendenz bringt uns dazu nachzuforschen, wo sich die Dinge befinden. Eine andere tiefsitzende Tendenz bringt uns dazu, sie zu verstecken. Die gleiche Spezies, die die Kartographie entwickelte, erfand das Labyrinth.

Bestimmte urbane Landschaften (Paris, Manhattan, der ältere Teil von Puebla) sind wie eine Laune der Ordnung. Andere zeigen sich, wie [Carlos] Monsiváis bemerkt, wie “Rituale des Chaos”.

Die Erfindung des GPS hat einige Überraschungen mit sich gebracht. Das Geheimnis der Orientation, hinderlich für das eheliche Zusammenleben, scheint endlich gelöst zu sein. Die Strassen der Erde passen auf einen Bildschirm; eine Stimme leitet Dich nach links oder rechts mit der gleichen Sicherheit, mit der die Winde zu den Phöniziern sprachen.

Aber einige Orte unterliegen einer anderen Logik: sie wurde kartographisch aufgenommen, ohne dass es viel nützt. Einer von ihnen: der unermesslich grosse Distrito Federal. Hier ist das GPS das gleiche wie der Gesang der Sirenen für Odysseus: eine unwiderstehliche Versuchung, die in den Wahnsinn führt.

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Fachkräftemangel in Deutschland

Der deutsche Wirtschaftsminister Schwäbele Brüderle hat angeregt, ausländischen Facharbeitern mit einem “Begrüssungsgeld” das Arbeiten im Ländle Land schmackhafter zu machen.

Sehr geehrter Herr Brüderle,

hiermit biete ich meine Dienste als Ingenieur in Deutschland an. Ich habe schlagkräftige Vorteile gegenüber jedem Ausländer:

a) deutsche Staatsangehörigkeit,

b) abgeschlossenes Ingenieur-Studium mit Diplom an einer deutschen (Fach-) Hochschule,

c) (nahezu) perfekte Deutsch-Kenntnisse,

d) genaue Kenntnisse der deutschen Kultur; sofortige Integration in die Gesellschaft garantiert.

Ich verlange nicht viel:

a) Job-Garantie für die kommenden zwei Jahre in einem kreativen, produktiven Arbeitsumfeld mit angemessener Bezahlung und guten Weiterbildungsmöglichkeiten an einem beliebigen Ort in Deutschland (auch in ländlicheren Gebieten)

b) Ihr angebotenes “Begrüssungsgeld” in Form von finanzieller und operativer Hilfe bei Umzug, Wohnungsbeschaffung, Erledigung von Behördengängen (Familienzusammenführungs-Visum für meine Frau, Erlangung der deutschen Staatsangehörigkeit für meine Kinder), KiTa-Plätzen, etc.

MfG,

Roland

Ob das hilft, ins sicherere Deutschland zurückzukehren und das momentan ziemlich unrühmliche Kapitel Mexico (Kriminalitäts-Entwicklung, persönliches Sicherheits-Empfinden für mich und meine kleine Familie, wirtschaftliche und berufliche Aussichten, Bildungschancen für meine Kinder, etc.) zumindest vorerst ruhen zu lassen…?

(Quelle)

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Gehackt

¿Trabajamos para ti? ¿Alguien trabaja?

Auf der Suche nach den notwendigen Papieren für ein trámite wurde ich auf die Seite der COFEMER (Comisón Federal de Mejora Regulatoria“Bundes-Behörde zur Regel-Verbesserung” (sprich: zum Bürokratie-Abbau)) geleitet.

Als ich nach mehrmaliger Eingabe des Suchbegriffs immer noch kein Resultat angezeigt bekam, drückte ich den Knopf “ASESORÍAS – Te ayudamos a localizar información contenida en este portal” (“Wir helfen Dir, Information auf diesem Web-Portal zu finden”) und wurde auf diese Seite geschickt (siehe Bildschirm-Kopie oben).

Tja, da war wohl “Theo Ein Türke gegen den Rest der Welt” am Werke, und die ach so effiziente Behörde für den Bürokratie-Abbau pennt.

Ob das davon kommt, dass man solch sicherheitsrelevanten Aufträge immer an cuates vergibt oder an Leute, die einen unter dem Tisch mit Geld versorgen, anstatt an kompetente Firmen…? Wundert es noch jemanden, dass man in Mexico geheime persönliche Daten so einfach an jeder Strassenecke bekommen kann, wenn Regierungs-Portale von irgendeinem dahergelaufenen Hacker geknackt werden können?

Da bekommt auch der auf der Seite stehende Regierungs-Werbe-Slogan einen ironisch-sarkastischen Einschlag:

“Trabajamos para ti” (Wir arbeiten für Dich)

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Ölpest im Golf von Mexiko (II)

Katastrophen-Verursacher BP und die US-Behörden bekommen die Lecks nicht in den Griff – jedenfalls nicht so schnell, wie anfangs versprochen (warum nur wundert mich das nicht…? :-| ). Von ursprünglich 160.000 Liter “stieg” die aus den drei Bohrlöchern ausströmende tägliche Menge Rohöl auf das 5-fache (800.000 Liter) – und trotz der Verschliessung eines der Lecks soll sich die Menge nicht verringern.

Heute morgen hörte ich in den mex. Nachrichten, BP hätte zugegeben, dass es 1.400.000 Liter am Tag seien – fast das 9-fache! Ob das allerdings stimmt, weiss ich nicht; auf anderen internationalen und US- Nachrichten-Seiten steht (noch?) nichts davon.

Strände und Mangroven an der US-Südküste sind mittlerweile verseucht; ob die theoretischen Berechnungen über Meeres- und Wind-Strömungen und die deswegen voraussichtlich verschmutzten Küstenabschnitte tatsächlich so eintreten wie vorhergesagt, wage ich als jemand, der mit solchen Dingen (= Geographischen Informations-Systemen (GIS)) arbeitet, aus Erfahrung (!) zu bezweifeln. Sprich: ich bin mir ziemlich sicher, dass in den nächsten Wochen auch die mexicanische Golf-Küste in Mitleidenschaft gezogen wird.

Aber was rede ich da… – ich bin doch keiner von diesen ”Experten”. :lol: ;-)

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Der Dorn im Auge des Nachbarn

Als vorige Woche im US-Bundesstaat Arizona das hier in Mexico so genannte “Anti-Immigranten-Gesetz” (“ley anti imigrantes”) verabschiedet wurde, ging ein grosser Sturm der Entrüstung durch die mexicanischen Medien. “Diskriminierend”, “menschenverachtend”, “fördert Hass und Intoleranz”, “Lasst uns Arizona boykottieren” und andere Aufrufe hörte (und hört) man – natürlich auch von Politikern, die (wieder mal) auf den fahrenden Zug aufsprangen, um wenigstens etwas Profil zu zeigen. Präsident Calderón verurteilte es ebenso und  forderte US-Präsident Obama auf, das Gesetz rückgängig zu machen.

Jetzt kam ein Bericht von Amnesty International heraus, der zeigt, dass Mexico nicht nur kein Kind von Traurigkeit ist, was Menschenrechts-Verletzungen angeht (das weiss eigentlich jeder, der mal in einer mex. Zeitung geblättert oder mit der mex. Polizei zu tun gehabt hat), sondern, dass die Behörden durchreisenden, illegalen migrantes aus mittel- und südamerikanischen Ländern noch schlimmeres antun, als es das Gesetz in Arizona vorsieht.

Klaus Ehringfeld vom Handelsblatt weiss mehr dazu.

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Werbung und Wirklichkeit

In den letzten Wochen wirbt das mex. Bundes-Arbeits-Ministerium (und damit die mex. Regierung) damit, seit Beginn des Jahres soundsoviel tausend neue Arbeitsplätze geschaffen zu haben. Dass ich dem skeptisch gegenüberstehe, brauche ich wohl nicht ausdrücklich zu schreiben, aber nehmen wir einmal an (wohlwollend wie wir sind ;-) ), die Wirtschaft hat tatsächlich neue Arbeitsplätze geschaffen.

Dazu habe ich mal auf den Job-Portalen nach offenen Stellen geschaut und alles (!), was mir (für einen zumindest dem meinigen verwandten Berufs-Zweig) untergekommen ist, ist in etwa so:

Posten: IT-Leiter und -Koordinator

Bildungsgrad: abgeschlossenes Uni-Studium Informatik (títulado)

Alter: 30 bis 40 Jahre, “exzellentes Äusseres”

Erforderliche Kenntnisse: mindestens fünf Jahre im IT-Bereich mit folgender Verantwortung: Auswertung und Administration von IT-Projekten, Datenbank-Administration und -Nutzung (unbedingt), Programmierung und Entwicklung von Applikationen in-house (unbedingt), Entwicklung von Politiken und Prozessen für die IT-Abteilung, business reports, Kenntnisse in Buchhaltungs- und akademischen Systemen, Implementation von Hard- und Software-Projekten, Englisch-Kenntnisse: 80% (Fähigkeit, ein Verhandlungs-Gespräch sicher zu führen und Fachbegriff-Kenntnisse im IT-Bereich)

Aufgaben: Planung und Kontrolle für/von Personal und Material zur Instandhaltung, Entwicklung und Anwendung von technischen Lösungen, die Vorteile zur Konkurrenz erlauben

Bis dahin ist ja alles noch OK. Und dann liest man, was die einstellende Firma bereit ist zu zahlen:

6.000,- Pesos netto (momentan etwa 350 Euro)

:shock: :mad:

… und so wird es mit den meisten anderen Jobs auch sein; konkret: es mag sein, dass wieder eingestellt wird, aber aufgrund des Überangebots an Arbeitskräften werden die Preise dermassen gedrückt, dass es schon Lohn-Dumping ist. Im obigen Fall frage ich mich auch: wieviel bekommen wohl die, die unter diesem IT-Leiter arbeiten? Mindestlohn?

Wie heisst es so schön am Ende des Werbespots des gobierno federal: “No pido mucho. Pido trabajo. Y ya lo tengo.” (zu deutsch: “Ich verlange nicht viel. Ich möchte eine Arbeit. Und nun habe ich sie.”)

Was dabei wahrscheinlich geschnitten wurde, war der Folgesatz: “Pero no gano suficiente para poder vivir. Y menos para ‘Vivir mejor’.” (“Aber ich verdiene nicht genug zum Leben. Und noch weniger zum ‘Besser leben’ [Werbespruch der Calderón-Regierung])

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