Archiv der Kategorie kultur

Land unter

Eine ehemalige Kollegin, deren Familie mütterlicherseits aus Tlacotalpan (Bundesstaat Veracruz) stammt und die dort eine Zeit lang lebte, erzählte mir mal:

“Unser Haus hatte, wie alle anderen auch, einen tapanco. Das ist ein Obergeschoss mit eng gedecktem Palmdach. Unten wohnten wir, und wenn die Regenzeit kam und wir wussten, dass der Flusspegel ansteigen und den Ort überschwemmen würde, packten wir alle unsere Möbel und Gegenstände des Hauses zusammen und stellten sie oben in den tapanco. Wir liessen Fenster und Türen offen stehen, damit das Wasser durch das Haus fliessen konnte und es nicht wegspülte und zogen mit Sack und Pack, Familie und Vieh in eine höherliegende Gegend, wo wir eine Hütte hatten.”

Momentan ist Regenzeit und besonders die Gegend um Tlacotalpan ist schwer von Überschwemmungen getroffen; Tausenden steht ihr Hab und Gut unter Wasser. Wieder wird Katastrophen-Alarm ausgerufen, Geld aus dem Staatshaushalt locker gemacht (das -wie immer- grösstenteils in dunklen Kanälen “versickert”), die Bevölkerung zu Geld- und Sachspenden aufgefordert.

Warum werfen wir “moderne” Menschen jahrzehnte- oder jahrhunderte-alte Kenntnisse einfach so über Bord und glauben, dass die Gesetze der Natur nicht mehr für uns gelten? Weil wir concreto hidráulico haben und hohe Dämme errichten können?

Präsident Felipillo sprach gestern, als er medienwirksam ein Überschwemmungsgebiet besuchte, davon, dass dank der vollzogenen Deichbauarbeiten die Überschwemmung nicht so schlimm sei. Ob 30 Zentimeter Wassertiefe in meinem Wohnzimmer ein Fortschritt sind gegenüber den 60 Zentimetern von vorher? Ich weiss nicht…

Jedes Jahr sind mit schöner Regelmässigkeit dieselben Gegenden in Mexico überschwemmt – mal mehr, mal weniger. Während ich mich nicht erinnern kann, dass z.B. archäologische Stätten einmal ernsthaft gefährdet gewesen wären, bauen Menschen des 20./21. Jahrhundert dort, wo’s ihnen passt, ungeachtet dessen, was die Naturkräfte mit dem Gelände vorhaben, denn wir “Zivilisierte” beherrschen die Natur und machen sie uns Untertan.

Denkste!

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Flaschenbier

Letztens beim Sam’s -ich hatte schon eine Palette Bit-Dosen in den Einkaufswagen gestellt- sah ich zufällig ein paar einzelne Flaschen desselben Bieres in einem Regal stehen. Da an ihnen kein Preis dranstand und auch der Preis-Scanner nichts anzeigte, fragte ich einen Jüngling in der Nähe danach.

Lange Rede, kurzer Sinn: die Flaschen waren Überbleibsel eines Angebot von vor ein paar Wochen (Monaten? – es gab damals auch 5-Liter-Fässchen); das Gebinde bestand eigentlich aus sechs Stück. Da nur noch vier Flaschen übrig waren, sie so (einzeln) bestimmt nicht mehr zu verkaufen waren und ich starkes Interesse bekundet hatte, machte mir der herbeigeeilte gerente einen Sonderpreis.

Zu deutsch: ich zahlte für die vier Bitburger das, was ich im Superama für eine einzige Flasche zahle (wenn ich mir mal den Luxus z.B. eines deutschen Schwarz- oder Weizenbieres erlaube).

Und: ein Bier aus der Flasche ist geschmacklich schon etwas ganz anderes als aus der Dose, auch wenn ich es immer in einen gut gekühlten Krug fülle.

P.S. der Preis für das Byte (8 Halbliter-Dosen Bit) liegt immer noch bei unschlagbaren 90.01 Pesos. Da kann kein mex. Bier mithalten (ausser man kauft Dosen-Kloster oder -Tropical Light-Brause).

Strassenlinien pinseln

So werden in Mexico (hier: Mexico City) die Strassenbegrenzungslinien auf den Asphalt gemalt: man kaufe einen (oder mehrere) Eimer Vinyl-Farbe und schicke die Maler, ausgerüstet mit Pinseln, Rollen, Besenstielen, Maskier-Klebeband und ein paar orangefarbenen Plastik-Hütchen auf die Strasse. Dort wird dann gekleckert werden die Linien como dios manda aufgepinselt.

Es ist also gar nicht verwunderlich, dass die Bemalung nach wenigen Monaten durch Regen, Sonnenlicht und Abnutzung durch darüberfahrende Auto wieder (fast?) verschwunden sind.

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Atlas geographique et physique du Royaume de la Nouvelle-Espagne

So hiess der Atlas, den “uns Alex”, also Alexander von Humboldt, 1808 in französischer Sprache veröffentlichte, damit seine Reisen auf dem amerikanischen Kontinent dokumentierte und -so ganz nebenbei ;-) – die moderne Geographie begründete.

Nun habe ich per Zufall diesen Atlas in der David Rumsey Collection im Internet gefunden und möchte sie meinen geneigten Lesern nicht vorenthalten. Beim Heranzoomen an die einzelnen Kartenblätter wird man immer wieder neue Details entdecken, die so viele Jahre danach immer noch (oder wieder?) erstaunlich sind.

Genug der Worte. Viel Spass beim Stöbern.

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WDR 2 in Nettetal

Soeben habe ich dies beim Internet-Livestream-Hören erfahren:

am 4. September 2010 kommt der Radiosender WDR 2 nach Nettetal, meinen Heimatort in Deutschland. Weswegen habe ich nicht ganz verstanden, aber anscheinend haben die Einwohner der Stadt irgendeinen landesweiten Wettbewerb gewonnen.

Nettetal ist ein “Kunstgebilde” aus der Kommunal-Reform Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre in Nordrhein-Westfalen; die vormals selbständigen Städte Kaldenkirchen und Lobberich sowie die Gemeinden Breyell, Hinsbeck und Leuth wurden da zusammengelegt. Obwohl (zumindest war das so in der Zeit, als ich dort lebte) es immer noch eine gewisse “Konkurrenz” zwischen den einzelnen Stadtteilen gibt (mit dazugehörigen kleinen Witzeleien übereinander), funktioniert das Ganze ganz gut.

Nun treten also am 4.9.10 dort u.a. Nena, Amy McDonald, Sabine Töpperwien und Olli Dietrich auf – genauer gesagt, findet das alles in Lobberich (a.k.a. Lobberland, “da wo dä Wink stink’” ;-) ) statt.

Wer hinfahren und wissen will, was da abgeht, hier die Info.

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Die Stadt ohne GPS

Eine tiefsitzende Tendenz bringt uns dazu nachzuforschen, wo sich die Dinge befinden. Eine andere tiefsitzende Tendenz bringt uns dazu, sie zu verstecken. Die gleiche Spezies, die die Kartographie entwickelte, erfand das Labyrinth.

Bestimmte urbane Landschaften (Paris, Manhattan, der ältere Teil von Puebla) sind wie eine Laune der Ordnung. Andere zeigen sich, wie [Carlos] Monsiváis bemerkt, wie “Rituale des Chaos”.

Die Erfindung des GPS hat einige Überraschungen mit sich gebracht. Das Geheimnis der Orientation, hinderlich für das eheliche Zusammenleben, scheint endlich gelöst zu sein. Die Strassen der Erde passen auf einen Bildschirm; eine Stimme leitet Dich nach links oder rechts mit der gleichen Sicherheit, mit der die Winde zu den Phöniziern sprachen.

Aber einige Orte unterliegen einer anderen Logik: sie wurde kartographisch aufgenommen, ohne dass es viel nützt. Einer von ihnen: der unermesslich grosse Distrito Federal. Hier ist das GPS das gleiche wie der Gesang der Sirenen für Odysseus: eine unwiderstehliche Versuchung, die in den Wahnsinn führt.

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Gustavo Cerati

Als ich Mitte 1998 nach Mexico kam, landete ich in einer jungen Firma mit motivierten Leuten, die während der Arbeitszeit Musik hörten; jeden Tag hatte jemand anders das Privileg, seine Lieblings-Künstler aufzulegen. So lernte ich gleich zu Anfang von Silvio Rodríguez über Arjona und Alejandro Sanz bis zu Cumbia- und Ranchero-Klängen einen Querschnitt der lokal angesagten Musik kennen. Manchmal -und das fand ich als Westeuopäer zuerst ziemlich befremdlich- standen meine Kollegen spontan auf, drehten die Musik lauter und begannen zu tanzen.

Die einzige Musik, die mir auf Anhieb sehr gut gefiel, war die einer argentinischen Rockgruppe namens Soda Stereo. Als ich einmal sagte, dass ich sie gerne mal auf einem Konzert sehen würde, erfuhr ich, dass die Band schon zwei Jahre vorher aufgelöst worden war und dass der kreative Kopf der Gruppe nun eine Solo-Karriere gestartet hatte. Sein Name: Gustavo Cerati.

Im Laufe der Zeit wurde ich zu einer Art Anhänger seiner Musik (“Fan” von jemandem oder etwas war ich noch nie im meinem Leben – ausser von meiner Frau und meinen Kindern): wenn ein neues Album herauskam, kaufte ich es (fast) sofort; einmal besuchte ich ein Konzert von ihm im Auditorio Nacional. Bei jeder neuen Platte fragte ich mich, was er wohl als nächstes “erfinden” würde; welche Melodien, welche Texte, welche Arrangements,…

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Fachkräftemangel in Deutschland

Der deutsche Wirtschaftsminister Schwäbele Brüderle hat angeregt, ausländischen Facharbeitern mit einem “Begrüssungsgeld” das Arbeiten im Ländle Land schmackhafter zu machen.

Sehr geehrter Herr Brüderle,

hiermit biete ich meine Dienste als Ingenieur in Deutschland an. Ich habe schlagkräftige Vorteile gegenüber jedem Ausländer:

a) deutsche Staatsangehörigkeit,

b) abgeschlossenes Ingenieur-Studium mit Diplom an einer deutschen (Fach-) Hochschule,

c) (nahezu) perfekte Deutsch-Kenntnisse,

d) genaue Kenntnisse der deutschen Kultur; sofortige Integration in die Gesellschaft garantiert.

Ich verlange nicht viel:

a) Job-Garantie für die kommenden zwei Jahre in einem kreativen, produktiven Arbeitsumfeld mit angemessener Bezahlung und guten Weiterbildungsmöglichkeiten an einem beliebigen Ort in Deutschland (auch in ländlicheren Gebieten)

b) Ihr angebotenes “Begrüssungsgeld” in Form von finanzieller und operativer Hilfe bei Umzug, Wohnungsbeschaffung, Erledigung von Behördengängen (Familienzusammenführungs-Visum für meine Frau, Erlangung der deutschen Staatsangehörigkeit für meine Kinder), KiTa-Plätzen, etc.

MfG,

Roland

Ob das hilft, ins sicherere Deutschland zurückzukehren und das momentan ziemlich unrühmliche Kapitel Mexico (Kriminalitäts-Entwicklung, persönliches Sicherheits-Empfinden für mich und meine kleine Familie, wirtschaftliche und berufliche Aussichten, Bildungschancen für meine Kinder, etc.) zumindest vorerst ruhen zu lassen…?

(Quelle)

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Moderne Zeiten (II)

Aus einer Unterhaltung auf der kleinen Geburtstagsfeier bei meinem Schwager.

Schwägerin: “Letztens habe ich auf Facebook meine alte Schulkameradin Lulú aus der Secundaria gefunden.” – Daraufhin meine Schwiegermutter: “Stellt Euch vor: ich habe vorletzte Woche in der Markthalle meine Freundin Lucha getroffen. Und sie hat mich sogar zum Essen nach Santiago eingeladen!”

Schallendes Gelächter… – die einzige, die die plötzliche Heiterkeit nicht verstand, war meine Schwiegermutter.

:lol: ;-)

Gehackt

¿Trabajamos para ti? ¿Alguien trabaja?

Auf der Suche nach den notwendigen Papieren für ein trámite wurde ich auf die Seite der COFEMER (Comisón Federal de Mejora Regulatoria“Bundes-Behörde zur Regel-Verbesserung” (sprich: zum Bürokratie-Abbau)) geleitet.

Als ich nach mehrmaliger Eingabe des Suchbegriffs immer noch kein Resultat angezeigt bekam, drückte ich den Knopf “ASESORÍAS – Te ayudamos a localizar información contenida en este portal” (“Wir helfen Dir, Information auf diesem Web-Portal zu finden”) und wurde auf diese Seite geschickt (siehe Bildschirm-Kopie oben).

Tja, da war wohl “Theo Ein Türke gegen den Rest der Welt” am Werke, und die ach so effiziente Behörde für den Bürokratie-Abbau pennt.

Ob das davon kommt, dass man solch sicherheitsrelevanten Aufträge immer an cuates vergibt oder an Leute, die einen unter dem Tisch mit Geld versorgen, anstatt an kompetente Firmen…? Wundert es noch jemanden, dass man in Mexico geheime persönliche Daten so einfach an jeder Strassenecke bekommen kann, wenn Regierungs-Portale von irgendeinem dahergelaufenen Hacker geknackt werden können?

Da bekommt auch der auf der Seite stehende Regierungs-Werbe-Slogan einen ironisch-sarkastischen Einschlag:

“Trabajamos para ti” (Wir arbeiten für Dich)

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